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Manfred Wittenburg: Headhunter, Alpöhi und Zigarren-Guru

Die einzige Konstante im Leben sei die Veränderung, sagt Manfred Wittenburg. Nach einem bewegten Leben im Zürcher Bankenumfeld und einigen Jahren in der Alpen-Gastronomie sind es die Zigarren, die den 80-Jährigen zum gefragten Gesprächspartner machen.

TDM: Manfred, wenn du dich in einem einzigen Satz beschreiben müsstest, wie würde der lauten?

MW: Ich freue mich, dass ich trotz meines hohen Alters noch immer die ungebrochene Begeisterung und Freude am Leben verspüren darf.

Das klingt nach einem farbigen Leben. Wie lief es denn ab?

Eigentlich wollte ich immer Koch werden. Kochen war und ist meine Leidenschaft, nebst den Zigarren, die ich dann nach dem Essen entdeckt hatte (lacht). Aber häufig kommt es ja anders, als man denkt.

Das heisst:

Ich war wohl als Kind das, was man heute mit «hyperaktiv» bezeichnet. Ich konnte weder still sitzen noch das Maul halten. Das führte dann halt nicht zu einer akademischen Ausbildung, sondern auf Wunsch meiner Eltern zu einer Lehre als Möbel- und Bauschreiner.

Warst du nicht Headhunter für Banken?

Ja, viele Jahre lang. Der Schreiner mit Krawatte (lacht). Nein, so einfach war es nicht. Ich war immer kommunikativ, ich mag Menschen, mich interessieren ihre Geschichten, ihr Leben. Das hat mich dann zu Beginn der 70er-Jahre in die Vermittlung von temporärem Personal geführt. Und dann kam das, was wir spasshaft «University of the Street» genannt haben: Das jahrelange Lernen im Job. Ein ehemaliger Generaldirektor einer Grossbank sagte mir einmal, dass die wichtigste Eigenschaft seiner Mitarbeiter die lebenslange Neugier ist. Viel wichtiger als die Bücher, die sie im Studium lesen mussten.

Was offensichtlich eine deiner Eigenschaften ist?

Aber sicher! Im Alter von 30 Jahren – wir sprechen von 1975 – fühlte ich mich reif genug, eine eigene Firma zu gründen. Ich wollte nur noch mit Banken arbeiten, ich verstand deren Mentalität sehr gut. Gemeinsam mit den Menschen, die ich vermittelte und von denen viele zu Freunden wurden, stieg ich quasi in der Hierarchie hinauf. Mein Netzwurk wuchs immens, und mit den Jahren entwickelte ich mich zu einem ziemlich ausgebuchten Bankpersonalspezialisten.

Und das bis zur Pensionierung?

Mit Unterbruch. In der ersten Hälfte der 90er-Jahre musste ich eine einschneidende private Veränderung verkraften. Ich bin von Natur her ziemlich emotional, hatte Schwierigkeiten, mit Trauer umzugehen. Ich wollte nur noch weg. Meine Liebe zu den Bergen kam mir hier zu Hilfe.

Das ist jetzt überraschend, vor allem wenn man auf der Erfolgsspur fährt.

Ja und nein. Es ist die Seele des Menschen, die ihn treibt, nicht nur das Portemonnaie. Ich habe gut verdient, ich konnte in bescheidenem Luxus leben. Aber wenn auf einmal der Sinn dahinter fehlt …

Und was macht ein Headhunter in den Bergen? Kühe vermitteln?

Immerhin wusste ich, die Hörner sind vorne und die Euter hinten. Das reichte dann aber leider nicht, um als Kuhirt durchzugehen (lacht). Ich entschied mich, ein paar Monate in einer Berghütte auf rund 2500 MüM zu arbeiten. Das war ziemlich hart für einen Bürogummi aus dem Unterland. Manchmal war ich drei, vier Tage eingeschneit und hatte viel Zeit, um nachzudenken. Das war sehr wertvoll. Ich brachte mir auch Lieder auf der Mundharmonika bei oder las Bücher. So fand ich langsam wieder zu mir.

Vom Headhunter zum Alpöhi?

So kann man sagen. Nach einiger Zeit wurde mir dann die Leitung der Stafelalp-Hütte oberhalb Davos angeboten. Als ich das erste Mal von Frauenkirch hochfuhr und diese wunderschöne Hütte erblickte, habe ich mich total in sie verliebt. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden dort sehr einfache Speisen angeboten: Salsiz, Bratwürste und so. Das wollte ich nicht. Endlich konnte ich meine Koch-Leidenschaft ausleben! Ich servierte Gams-Geschnetzeltes flambiert mit Calvados an einer Apfel-Wildrahmsauce, Gemüsepolenta, Pilzragout und weitere feine Speisen, Desserts und Getränke. Da es dort bis heute noch keinen Stromanschluss gibt, habe ich an einem grossen Herd, den ich jeden Morgen mit Holz befeuerte und an einem kleinen Gasherd gekocht. Die Küche war winzig und im Sommer stieg dort die Temperatur teilweise auf über 50 Grad.

Stieg auch der Umsatz?

Natürlich! Die Kundschaft kam aus der ganzen Schweiz, sogar aus New York erreichte mich ein Anruf: Ich war in einem Artikel der Gazette der Swissair erschienen, mit Fotos der Hütte, von mir auf dem Schneetöff oder von mir mit Alphorn. Leider übergaben die Hausbesitzer dann die Pacht nach Ablauf meines Vertrages innerhalb ihrer Familie. Aber wie es so ist: Eine Tür geht zu und eine andere geht auf.

Diese Türe stand in Zürich und führte wieder in die Unternehmensberatung.

Genau, gemeinsam mit einem langjährigen Freund, der im gleichen Geschäft tätig war. Glücklich bis 2008, als ich mich mit 63 aus dem zeitweisen sehr hektischen Berufsleben zurückzog.

Und in eine neue Liebe?

Als ich im Jahr 2000 meine jetzige Frau kennenlernte, öffnete sich nochmals eine weitere Tür. Meine Frau kommt ursprünglich aus der Dominikanischen Republik, war aber schon länger in der Schweiz wohnhaft. Sie stammt aus einer alteingesessenen Familie, die Kaffee- und Tabakplantagen besitzen.

Stellen sie auch Zigarren her?

Nein, das nicht. Sie verkaufen ihren Tabak den Produzenten, zum Beispiel an Arturo Fuente. Aber durch meine Frau und ihre Familie begann ich, die Unterschiede von Zigarren und ihrer Herkunft besser zu verstehen. Und natürlich genoss ich es, am Strand zu sitzen, die Wellen zu betrachten, mit einem Drink und einer guten Zigarre.

Ich sehe, wie du aufblühst, wenn wir über Zigarren sprechen …

Ja, seit 2000 rauche ich durchschnittlich ein bis zwei Zigarren am Tag. Zigarren entwickelten sich zu einer echten Leidenschaft. Ich rauchte «quer durch den Garten»: Zigarren aus der DomRep, aus Nicaragua, Honduras, Puerto Rico, Mexiko, Kuba, und Brasilien. Ich probierte alles aus und testete manchmal die gleiche Zigarre doppelt – einmal ohne und einmal mit Deckblatt, um den Geschmacksunterschied zu erkennen.

Und schon rutscht der Pensionär Manfred ins nächste Abenteuer …

Aber natürlich! Ich mag zum Beispiel die Nicaragua «Leonardo el Rey» sehr. Ich lernte Mitscho kennen, der sie produziert und begann in der Folge, seine Produkte in einigen Restaurants zu platzieren. Dabei stellte ich fest, dass viele Wirte mit ihren Humidoren Probleme hatten, und ich fragte mich: «Wer pflegt eigentlich den Humidor?»

Niemand?

Genau, niemand. Natürlich hatte der Wirt irgend­einem Angestellten erklärt, was zu tun sei. Doch viele Humidore, die ich gesehen habe, waren schlecht unterhalten. Also begann ich, einen Humidor-Service anzubieten. Um die idealen Werte zu erhalten, platziere ich im Humidor ein Messgerät, das ich über eine spezielle App kontrolliere. Dieser Service ist im Normalfall gratis. Im Gegenzug kauft der Wirt einige Zigarren meines Sortiments.

Und wie funktioniert das konkret?

Angenommen du bist Wirt, dann bekommst du bei mir einen Humidor, den erwähnten Service, und ich bestücke den Humidor mit meinen Zigarren und mit denjenigen, die du zusätzlich wünschst. Das kann irgendeine Marke sein, denn ich kann alle Zigarrenmarken liefern. Aber auch wenn du eine Zigarren-Lounge planst, kann ich bei der Planung, den Bewilligungsverfahren, dem Umbau usw. helfen. Zusammengefasst: Willst du sorgenfrei Zigarren anbieten, ruf mich an.

Damit wirst du aber nicht so viel Geld verdienen wie als Headhunter.

Darum geht es mir auch nicht mehr. Es ist meine Passion. Das spüren auch die Wirte, denn ich nehme mir Zeit für sie. Wenn sie mir von den Problemen ihres Berufs erzählen, dann sind wir auf Augenhöhe, denn ich war ja auch mal Wirt und kenne ihre Sorgen.

Wir wünschen dir viel Erfolg und Zufriedenheit und bedanken uns herzlich für das Gespräch.

Danke, es war mir eine Ehre. Mögt ihr eine feine Zigarre?

Interview: Hellmut Schümperli

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