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Kuba: Zigarren zwischen Kult und Krise

Über Jahrzehnte schien die Welt der Zigarre erstaunlich beständig. Doch diese vermeintliche Stabilität ist ins Wanken geraten. In einer dreiteiligen Betrachtung ordnet Marc Niehaus die Entwicklungen ein. Im ersten Teil steht jene Herkunft im Mittelpunkt, die wie keine andere mit der Geschichte der Zigarre verbunden ist: Kuba.

Die Zukunft der Zigarre – Teil 1 von 3. Text: Marc Niehaus (übersetzt aus der französischen Originalfassung)

Über Jahrzehnte schien die Welt der Zigarre erstaunlich beständig. Kuba folgte seinen eigenen Regeln, die nicht-kubanischen Herkunftsländer den ihren. Doch diese vermeintliche Stabilität ist ins Wanken geraten. Eigentümerwechsel, Pandemie, neue Regulierungen und geopolitische Unsicherheiten werfen Fragen auf, die sich vor wenigen Jahren kaum jemand gestellt hätte.

Vorbemerkung des Autors

Dieser Artikel ist die Frucht des Blicks eines freien Beobachters – sofern es überhaupt noch erlaubt ist, einer zu sein. Er richtet sich an Aficionados, an Fachleute der Branche, aber auch an alle, die sich Fragen über die Veränderungen eines Marktes stellen, der ebenso alt wie umstritten ist.

Ich will weder urteilen noch eine Anklageschrift verfassen. Ebenso wenig geht es mir darum, Behauptungen aufzustellen, um sie anschliessend um jeden Preis zu belegen. Mein Anspruch ist einfacher und vielleicht zugleich ehrgeiziger: Ich möchte eine Landschaft zeichnen. Eine Landschaft der Zigarre, so wie sie sich heute darstellt, und jener Richtungen, die sie einzuschlagen scheint.

Alles, was dokumentiert, überprüft und kontrolliert werden konnte, formuliere ich im Präsens. Alles, was Hypothese bleibt, eine mögliche Gegenwart beschreibt oder eine denkbare Zukunft skizziert, wird entsprechend als solche gekennzeichnet.

Mit dieser Spielregel – und nur mit ihr – möchte ich die Frage eröffnen: Welche Zukunft hat die Zigarre?

Warum stellt sich überhaupt die Frage nach der Zukunft der Zigarre?

Jahrelang haben wir in einer Art weltweiter Routine gelebt. Auf der einen Seite gab es eine kubanische Routine, auf der anderen eine nicht-kubanische.

Diese Ordnung war so selbstverständlich, dass sie kaum Anlass gab, sich ernsthaft zu fragen, was aus der Zigarre werden könnte. Ihre Zukunft erschien vielmehr als eine allmähliche Fortsetzung ihrer eigenen Vergangenheit.

Dann kamen drei Brüche, die die Lage verändert haben. Der erste war der Weiterverkauf der Beteiligung an Habanos an chinesische Interessen. Der zweite war Covid, das die Welt der nicht-kubanischen Zigarren tief getroffen hat. Der dritte ist der Eifer der Technokraten beim Verfassen immer neuer Regeln. Spätestens damit drängte sich die Frage auf: Warum und wie sind wir an einen Punkt gelangt, an dem wir uns heute ernsthaft fragen müssen: Welche Zukunft hat die Zigarre?

Die kubanische Zigarre – das heikelste Thema

Seit der private Anteil an Habanos den Besitzer gewechselt hat, ist vieles in Bewegung geraten. Zunächst möchte ich die Fakten in Erinnerung rufen, so wie sie feststehen.

2020 verkaufte Imperial Brands seine 50-Prozent-Beteiligung an Habanos S.A. an die Allied Cigar Corporation, eine Hongkonger Struktur, deren tatsächliche und undurchsichtige Eigentümerschaft anschliessend mit asiatischen Interessen in Verbindung gebracht wurde, insbesondere mit Chen Zhi, einem chinesisch-kambodschanischen Geschäftsmann.

Diese Undurchsichtigkeit hatte konkrete Folgen. In Skandinavien wurde dem Exklusivimporteur kubanischer Zigarren – Habanos Nordic AB, heute Elite Trading Scandinavia AB – Anfang 2026 von den schwedischen Behörden die Tabaklizenz entzogen, und zwar genau wegen der Verbindungen zu Chen Zhi. Dieser wurde in Kambodscha festgenommen und nach China ausgeliefert, wo er wegen Betrugs und Geldwäsche in grossem Stil verfolgt wird.

Der offizielle Vertrieb kubanischer Zigarren in den nordischen Ländern ist dadurch unterbrochen. Die skandinavischen Liebhaber waren damit gezwungen, sich dem Graumarkt oder Zigarren aus anderen Herkunftsländern zuzuwenden.

Die andere Hälfte von Habanos ist über Cubatabaco weiterhin in den Händen des kubanischen Staates. Cubatabaco – die Empresa Cubana del Tabaco – bleibt Eigentümerin der Marken und jene Einheit, die die Tabakproduktion und in groben Zügen auch die Herstellung der Zigarren kontrolliert. Habanos S.A. wiederum ist ein 50/50-Gemeinschaftsunternehmen und übernimmt die internationale Vermarktung und den Vertrieb.

Das Produkt bleibt also im Wesentlichen in kubanischer Hand: Cubatabaco produziert, Habanos verkauft.

Qualität unter Druck, Preise auf Rekordniveau

Was sich seither beobachten lässt, ist für mich eindeutig. Die Qualität ist gesunken. Das ist längst kein Einzeleindruck mehr. Unregelmässige Machart, schwerer Zug, Zigarren, die ausgehen, und eine fehlende Gleichmässigkeit von einer Kiste zur anderen: Die Rückmeldungen von Aficionados und Einzelhändlern decken sich.

Die Preise dagegen sind stark gestiegen. Ab 2022 führte Habanos ein System des «Weltpreises» ein, das die europäischen Tarife auf ein deutlich höheres Niveau gebracht hat – nahe an jenem, das in Asien üblich ist. Bei einigen Referenzen wurden in Europa Preiserhöhungen von 50 bis über 100 Prozent festgestellt.

Das Produkt hat dadurch einen Teil seines früheren Images verloren. Es bleibt begehrenswert, ist aber nicht mehr von derselben Selbstverständlichkeit umgeben. Gleichzeitig umgibt es sich mit einem gewissen Geheimnis: Man redet viel, überprüft wenig und toleriert eine Menge.

Habanos wiederum weist Rekordergebnisse aus. 2024 gab das Unternehmen einen Umsatz von 827 Millionen Dollar bekannt, ein Plus von rund 15 Prozent gegenüber 2023, zu einem grossen Teil getragen von China und Asien. Zum Vergleich: Zwischen 2017 und 2019 bewegte sich der Umsatz von Habanos in einer Spanne von etwa 500 bis 570 Millionen Dollar. Die Zahlen liegen also vor. Die eigentlichen Fragen stellen sich für mich an anderer Stelle:

  • Wohin geht das produzierte Zigarrenvolumen tatsächlich?
  • Was sind die Gründe für den Qualitätsrückgang bei den kubanischen Zigarren?
  • Wie lange werden die Preise noch weiter steigen?

Wenn eine einzige Zigarre die Marge auffrisst

Aufseiten der Einzelhändler ist die Lage nüchtern. Ein französischer Händler verdient an einer Zigarre im Schnitt rund 7 Prozent. Wenn ein Kunde eine verstopfte oder unrauchbare Zigarre zurückbringt, kann die Erstattung dieser einen Einheit die Marge von zehn oder elf Zigarren kosten.

Unter diesen Bedingungen wird die kubanische Zigarre für das französische Vertriebsnetz statistisch zu einem Risiko. Die Frage ist damit nicht mehr nur eine Frage der Qualität. Sie ist auch eine wirtschaftliche.

Kuba selbst wird zum Risikofaktor

Auch die Lage Kubas wiegt schwer auf der Zukunft der kubanischen Zigarre. Das Land durchlebt eine tiefe und anhaltende Energiekrise. Der Zugang zu venezolanischem Erdöl hat sich verringert, die Anlagen sind veraltet, Ersatzteile fehlen und flächendeckende Stromausfälle sind wiederkehrend geworden. Solange dieser Rahmen einigermassen stabil bleibt, solange kein schwerer Hurrikan die Plantagen zerstört und solange Habanos seine Preispolitik nicht radikal ändert, rechne ich mit einer Fortsetzung des gegenwärtigen Trends: Qualität unter Druck, hohe Preise und Volumina, die vorrangig in jene Märkte gelenkt werden, die bereit sind, diese Preise zu akzeptieren.

Was die Zukunft betrifft, wage ich mich an zwei Szenarien.

Szenario eins: die Fortdauer

Die kubanische Regierung verbleibt in einer schwierigen, aber widerstandsfähigen Position. Cubatabaco produziert weiter, Habanos vermarktet weiter.

Unter dieser Annahme sehe ich strukturell keinen Anreiz für das System, zum früheren Niveau an Gleichmässigkeit und Qualität zurückzufinden. Die kubanischen Torcedores sind insgesamt weder finanziell noch durch andere Vorteile motiviert, eine konstant hohe Qualität zu liefern. Dazu kommen Annahmen, die seit Langem in der Branche kursieren: Ein Teil der Zigarren werde in Gefängnissen gerollt, und bestimmte Mengen könnten maschinell unterstützt sein oder Picadura enthalten.

Diese Punkte sind bis heute nicht offiziell bestätigt. Sie nähren jedoch den Zweifel an der tatsächlichen Gleichmässigkeit der Produktion. In diesem Szenario droht die kubanische Zigarre teuer, selten und unregelmässig zu bleiben.

Szenario zwei: der geopolitische Umbruch

Sollte die derzeitige Regierung einbrechen und ein proamerikanischer Regimewechsel eintreten, verbunden mit Unterstützung beim Wiederaufbau, würden die Fragen nach den Plantagen und den Markenrechten zentral. General Cigar hält seit Langem Eintragungen kubanischer Marken in den Vereinigten Staaten, insbesondere rund um Cohiba. Darüber besteht ein langer Rechtsstreit, dessen jüngste Kapitel Cubatabaco in einigen Punkten recht gegeben haben, ohne den Fall insgesamt zu klären.

In einem solchen Szenario könnte auch der Exklusivvertrag zwischen Cubatabaco und Habanos infrage gestellt werden. Technisch gesehen kann eine Änderung in der Natur der Vertragsparteien einen Vertrag hinfällig machen.

Von diesem Punkt an betreten wir endgültig das Gebiet der Hypothesen:

  • Wer würde die Produktion übernehmen?
  • Unter welchen Namen kämen die Zigarren auf den Markt?
  • Und welchen Platz würde Habanos noch einnehmen?

Diese Fragen bleiben offen. Sicher ist für mich nur eines: Die kubanische Zigarre befindet sich nicht mehr in jener Routine, die sie über Jahrzehnte geprägt hat. Sie ist zu einem Produkt unter Spannung geworden – kommerziell erfolgreich auf bestimmten Märkten und zugleich immer «heikler» in der Wahrnehmung vieler westlicher Aficionados. So weit sind wir.

Fortsetzung folgt

Doch Kuba ist nur ein Teil der Geschichte. Während die kubanische Zigarre mit eigenen wirtschaftlichen, politischen und qualitativen Herausforderungen kämpft, hat sich auch die Welt der nicht-kubanischen Zigarren grundlegend verändert. Im zweiten Teil richtet sich mein Blick deshalb auf jene Produktionsländer und Marken, die von Covid, steigenden Kosten und veränderten Marktbedingungen geprägt wurden – und auf die Frage, welche Kräfte dort die Zukunft der Zigarre bestimmen.

Marc Niehaus ist eine prägende Persönlichkeit im Premiumzigarren-­Segment. 2010 führte ihn sein Weg zurück in die Familienmanufaktur in Costa Rica, wo er die Entwicklung von «Vegas de Santiago» als Boutique-Marke massgeblich mitgestaltete. Seit dem ist er die treibende Kraft hinter der Zigarren-Linie D8 sowie der Marke «Vegas de Santiago», welche 2017 anlässlich der Intertabac in Dortmund mit dem Titel «Best Brand Costa Rica» ausgezeichnet wurde.

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