Im Rotationskäfig gegen das Laster
Um das Jahr 1670 blies die eidgenössische Tagsatzung zum grossen Halali auf den «blauen Dunst». Die Obrigkeit und die reformierte Geistlichkeit waren sich in seltener Eintracht einig: Tabak war ein Laster, ein direkter Pfad in den moralischen und physischen Abgrund. Besonders in den strengen Hochburgen Bern und Zürich kannte man kein Pardon. Man fürchtete nicht nur um die Gesundheit der Untertanen oder die allgegenwärtige Brandgefahr in den hölzernen Städten, sondern vor allem um den Geldbeutel des Staates. Den gnädigen Herren missfiel zutiefst, dass viel gutes Schweizer Geld für den Import der fremdländischen, «neuartigen» Blätter ins Ausland abfloss. Es war ein früher Wirtschaftskrieg, verkleidet als moralische Sorge.
Die Konsequenzen für unverbesserliche Raucher waren drakonisch und erinnern aus heutiger Sicht eher an finsteres Mittelalter als an die frühe Neuzeit. Wer beim Schmauchen erwischt wurde und das gesalzene Bussgeld von 50 Pfund nicht aufbringen konnte, lernte die dunkle Seite der helvetischen Justiz kennen. Die «Trülle» wartete – ein käfigartiges Instrument, oft prominent auf dem Marktplatz platziert. In diesen Käfig wurde der Delinquent gesperrt und so lange und schnell gedreht, bis ihm Hören, Sehen und schliesslich der Mageninhalt vergingen. Eine brutale pädagogische Massnahme, die dem Sünder den Genuss buchstäblich wieder austreiben sollte.
Doch wie so oft in der Geschichte der Menschheit erwies sich die Prohibition als der beste Marketingmanager des Verbotenen. Weder Geldstrafen noch die öffentliche Demütigung in der Trülle konnten die Lust der Bevölkerung am Tabak bremsen. Der Widerstand war passiv, aber massenhaft. 1723 musste die Berner Regierung schliesslich vor der Realität kapitulieren und zähneknirschend eingestehen, dass der Tabakgenuss «bei der Bevölkerung jeden Standes unaufhörlich zunehme». Der Rauch hatte über das Gesetz gesiegt.
Fabrikhalle «Hediger & Cie», Reinach
Vom Teufelszeug zur Staatsaffäre
Während Bern noch lange mit seinen Moralvorstellungen rang, witterte man andernorts bereits das Geschäft. Basel, die weltgewandte Stadt am Rheinknie, zeigte sich weitaus pragmatischer und liberaler. Unter der Ägide von Persönlichkeiten wie Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein hatte man sich schon früh als tabakfreundliches Pflaster positioniert. Man verstand in Basel schneller: Wenn die Leute rauchen wollen, dann sollen sie es tun – solange die Kasse in der eigenen Stadt stimmt.
Die wahre Wende für die gesamte Schweiz brachte jedoch erst die Gründung des modernen Bundesstaates. Mit der Bundesverfassung von 1848 wandelte sich die Schweiz endgültig vom Verhinderer zum Förderer. Schutzzölle auf importierte Zigarren machten den heimischen Anbau und die Verarbeitung plötzlich zu einer Goldgrube. Die Kantone, die ihre Bürger einst in die «Trülle» gesteckt hatten, verteilten nun Anleitungen zur perfekten Aussaat. Es war der Startschuss für eine neue Ära, in der die Tabakpflanze nicht mehr als Unkraut des Teufels, sondern als Segen der Landwirtschaft betrachtet wurde. Scheunen füllten sich mit trocknenden Blättern, und der süssliche Duft der Fermentation zog durch die Täler.
Not und Erlösung im «Stumpenland»
Nirgendwo jedoch schlug das Herz der neuen Industrie so kräftig wie im Aargau. Das Wynen- und Seetal sollte als das legendäre «Stumpenland» in die Geschichte eingehen. Dabei war es nicht Reichtum oder Luxusstreben, das die Menschen in die Arme des Tabaks trieb, sondern bitterste Not und der Kampf ums Überleben.
Im 18. und frühen 19. Jahrhundert war die Region stark von der Heimarbeit in der Baumwollindustrie abhängig gewesen. Doch die unaufhaltsame Industrialisierung frass ihre Kinder: Mechanische Webstühle in grossen Fabriken machten die mühsame Handweberei in den Stuben unrentabel. Armut breitete sich aus wie ein Schatten, und Tausende standen vor dem Nichts. Der Tabak wurde zum rettenden Strohhalm. Die Textilkrise zwang die Bauern und Handwerker zum radikalen Umdenken. Was als verzweifelter Versuch im Kleinen begann, entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer blühenden Industrie. Die Menschen im Tal tauschten das Weberschiffchen gegen das Zigarrenmesser. Die Gegend, die fast im Elend versunken wäre, erfand sich neu und wurde zur rauchenden Lunge der Schweizer Wirtschaft.
Samuel Weber von Menziken, 1785 – 1861
Die Pioniere von Menziken: Ein Hauch von grosser weiter Welt
Jedes Wirtschaftswunder braucht seine Visionäre, die Möglichkeiten sehen, wo andere nur Risiken wähnen. Im Aargau hiess dieser Mann Samuel Weber. Der Heimweber aus Menziken erkannte die Zeichen der Zeit früher als alle anderen. Anstatt dem verlorenen Webstuhl nachzutrauern, blickte er über den Atlantik.
Weber tat etwas für damalige Verhältnisse Ungeheuerliches und Weitsichtiges: Er schickte seine Söhne in die weite Welt hinaus – in die USA und nach Brasilien. Dort sollten sie nicht etwa das Glück als Auswanderer suchen, sondern als Spione des Handwerks fungieren. Sie sollten lernen, wie man Tabak anbaute, fermentierte und zu hochwertigen Zigarren rollte. Mit diesem unbezahlbaren Know-how kehrten sie in das beschauliche Aargau zurück. 1838 entstanden in Menziken die ersten Pfeifen, und bereits 1841 begann die professionelle Zigarrenfabrikation im grossen Stil.
Es war eine Gründerzeit par excellence. Namen wie Gautschi, Hauri, Hediger und Söhne schossen wie Pilze aus dem Boden. Aus kleinen Werkstätten wurden Fabriken, aus Bauern wurden Industrielle. Die Tabakverarbeitung saugte die Arbeitskraft der ehemaligen Textilweber auf und schuf ein neues soziales Gefüge. Die Fabriken von «Burger Söhne» oder «Villiger» sind bis heute lebende Zeugen dieses unternehmerischen Mutes, der das Tal für immer veränderte.
Die «schlafende Lagerung», teilweise von Ernten verschiedener Jahrgänge, im sorgfältig überwachten Tabaklager
Kriegsgewinner und Grenzgänger
Der absolute Höhepunkt dieser Entwicklung liest sich wie ein Abenteuerroman. Ein blutiger Bürgerkrieg auf einem anderen Kontinent bescherte dem friedlichen Aargau seinen grössten Boom. Als in den 1860er-Jahren in den USA die Nordstaaten gegen die Südstaaten kämpften (Sezessionskrieg), brach die dortige Produktion zusammen. Handelsblockaden und zerstörte Felder liessen den Nachschub versiegen. Die Nachfrage nach Nervennahrung für die Soldaten an der Front aber explodierte.
Und wer lieferte? Die Aargauer. Zeitgenössische Berichte schwärmen fast märchenhaft davon, dass die «nordamerikanischen Armeelieferanten die besten Freunde der Oberwynentaler» seien. Millionen von Schweizer «Stumpen» fanden ihren Weg über den Ozean in die Taschen der Unionssoldaten und Konföderierten. Über 3000 Menschen arbeiteten zu dieser Zeit in der Aargauer Tabakindustrie – eine Zahl, die das Tal nachhaltig prägte und wohlstand brachte.
Probeziehen von amerikanischem Kentucky-Fasstabak
So wurde aus einer verbotenen Frucht, für deren Genuss man einst im Käfig landete, der Treibstoff einer ganzen Region. Heute mag der Tabakanbau in der Schweiz eine Nische sein, doch der Geist des «Stumpenlandes» weht noch immer durch die historischen Gebäude im Aargau. Eine Geschichte, die uns lehrt: Genuss lässt sich auf Dauer nicht verbieten – und manchmal rettet er sogar Leben.
Text/Bild: max@typopress.ch
Thumbnail: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / LBS_MH03-1263

