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Zwischen Rebe und Realität

Wein gehört zu den grossen Sehnsuchtsprodukten unserer Zeit. Er erzählt von Landschaften, alten Rebstöcken, langen Sonnenuntergängen. Doch hinter dem Bild vom edlen Tropfen steckt harte Arbeit – und ein komplexes System aus Natur, Chemie und Handwerk. Denn die Rebe ist eine sensible Pflanze. Ihre Früchte entstehen nicht einfach so – sondern als Ergebnis von Entscheidungen, Kompromissen und oft auch Stress.
Wie facettenreich das Resultat sein kann, ist umso bemerkenswerter: Denn aus der Weintraube entstehen – je nach Sorte, Standort, Klima und Pflege – unzählige Stilrichtungen, Aromen und Texturen. Diese Vielfalt macht Wein einzigartig. Doch sie entsteht nicht von allein.

Besonders gute Weine wachsen entlang des sogenannten Weingürtels, zwischen dem 30. und 50. Breitengrad. Hier treffen Tageshitze und kühle Nächte aufeinander, Böden sind oft mineralstoffreich, die Jahreszeiten klar ausgeprägt. Je näher man dem Äquator kommt, desto schwieriger wird es: zu gleichmässig, zu heiss, zu wenig Säure. Die klimatischen Bedingungen setzen Grenzen – und sie verschieben sich.

Wein ist also mehr als Genuss. Er ist ein Produkt aus Zeit, Wissen, Klima und vielen Entscheidungen.Reben sind empfindlich. Damit sie gesund bleiben, braucht es Erfahrung, Geduld und meist auch Pflanzenschutz – ganz gleich, ob im konventionellen oder im biologischen Anbau. Während im herkömmlichen Weinbau synthetische Mittel zum Einsatz kommen, arbeiten Biowinzer:innen mit Stoffen wie Kupfer oder Schwefel. Beide Systeme verfolgen das gleiche Ziel: gesunde Trauben. Und beide bringen ihre eigenen Herausforderungen mit sich.

Denn wer glaubt, Weinbau sei ein natürlicher Selbstläufer, irrt. Pilzkrankheiten wie echter und falscher Mehltau, Graufäule, Traubenwickler oder die invasive Kirschessigfliege machen Winzer:innen das Leben schwer – Jahr für Jahr. Im konventionellen Anbau wird mit effizienten chemischen Mitteln reagiert, im Biobereich heisst es: vorbeugen. Das bedeutet oft: Dolden ausdünnen, auf gute Belüftung achten, Netze spannen, Fallen aufstellen, Hygiene einhalten. Ein Wettlauf gegen die Natur, der viel Handarbeit verlangt und nicht immer belohnt wird. Die Folge: tiefere Erträge und höhere Preise.

Auch der Boden verlangt Aufmerksamkeit. Während er im konventionellen Anbau gelegentlich mit Herbiziden bearbeitet wird, setzt der Bioweinbau auf mechanische Pflege und gezielte Begrünung. Kräuter und Leguminosen wie Klee oder Ackerbohnen reichern den Boden mit Stickstoff an, fördern die Durchlüftung und bieten Lebensraum für Nützlinge. Was früher als «ungepflegt» galt, gilt heute als durchdacht: Ein lebendiger Rebberg kann sich besser selbst regulieren und braucht in der Regel weniger Eingriffe. Trotzdem: ganz ohne geht es nicht. Auch im Bioweinbau wird gespritzt – meist mit Kupfer. Bei empfindlichen Rebsorten kann das bis zu 15 Behandlungen pro Saison bedeuten. Zwar ist der Einsatz inzwischen begrenzt und viele Winzer:innenarbeiten mit natürlichen Alternativen wie Tonerde oder Schachtelhalm. Doch das Spannungsfeld bleibt: Was schützt die Pflanze am besten und schont gleichzeitig die Umwelt?

Vielleicht liegt die Antwort in der Züchtung. Piwi-Rebsorten – also pilzwiderstandsfähige Neuzüchtungen – benötigen deutlich weniger Pflanzenschutz und haben das Potenzial, den Bioanbau langfristig nachhaltiger zu machen. Auch geschmacklich holen sie auf: Weisse Sorten wie Johanniter oder Solaris überzeugen längst nicht nur mit ökologischen Argumenten, sondern auch im Glas.

Und wem der ökologische Fussabdruck wichtig ist, darf auch mal bequem sein. Denn auch beim Transport von Wein lohnt es sich umzudenken: Regionaler Wein wird nicht klimafreundlicher, wenn jeder seine drei Flaschen Wein mit dem Auto beim Winzer oder Händler abholt, um sie beim nächsten Abendessen seinen Gästen zu kredenzen. Sammelbestellungen inkl. Lieferungen sind da nachhaltiger und definitiv bequemer. Und auch das Gebinde kann berücksichtigt werden: Leichte Glasflaschen schneiden ökologisch besser ab als schwere Prestige-Bottiche. und wem das noch nicht genug ist kann noch einen drauflegen. Die klimafreundlichste Verpackung wäre die sogenannte «Bag-in-Box». Nur: Wer will seinen Lieblingswein schon aus dem Plastikbeutel trinken? Dann doch lieber eine gut temperierte Glasflasche mit Inhalt, über den man reden kann.

Denn am Ende geht es nicht um richtig oder falsch. Sondern darum, zu verstehen, wie viel Arbeit, Wissen und Sorgfalt hinter dem Wein im Glas steckt. Und genau das macht den Genuss vielleicht sogar noch ein bisschen grösser.

Bio = besser? Ganz so einfach ist es nicht.

Bioweinbau verzichtet auf synthetische Pflanzenschutzmittel – das ist gut für Böden, Tiere und Menschen. Stattdessen wird mit natürlichen Stoffen wie Kupfer gearbeitet. Doch auch Kupfer hat seine Schattenseiten: Es reichert sich im Boden an und kann dort Mikroorganismen schädigen. Wird sein Effekt ähnlich streng bewertet wie jener synthetischer Pestizide, schneiden Biobetriebe nicht immer deutlich besser ab. Die Lösung könnten sogenannte Piwi-Rebsorten sein: Sie brauchen kaum Schutz und senken die Umweltbelastung deutlich – unabhängig vom System.

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