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Besuch im Stumpenland

Vielleicht geht es Ihnen wie mir: Ich habe keine Ahnung, wie man jene Artikel herstellt, welche ich täglich benütze, esse, trinke oder geniesse. Wie ein Apfel heranreift oder die Milch in die Tüte kommt, das kann ich mir noch vorstellen. Wie jedoch aus einer Tabakpflanze eine Zigarre oder ein Zigarillo wird, das weiss ich erst seit kurzem. Genauer: Seit ich diesen Herbst an einer Führung in der Fabrik der Villiger Söhne AG in Pfeffikon LU teilgenommen habe.
Mitten im Dorf Pfeffikon, im Grenzgebiet der Kantone Luzern und Aargau, umgeben von grünen Wiesen, Wohngebäuden, Bauernhäusern und der Kirche, steht die bekannteste Schweizer Tabakfabrik.
Ein bescheidener Wegweiser, einmal scharf nach rechts und schon stehen wir vor einer rot-weissen Schranke. Dahinter unauffällige, lange und verwinkelte Gebäude, ein Innenhof und über einem Eingang die schlichte Schrift: «Villiger Söhne A.G.».
Fabrikführungen in Pfeffikon sind seit 2024 öffentlich und finden zwei- bis dreimal im Jahr statt, einmal sogar auf französisch. Gross bewerben müsse man diese Führungen nicht, Homepage und Newsletter genügten, erfahre ich, und tatsächlich stehen bereits über dreissig Personen, vorwiegend männlich, in oder vor der Raucher-Lounge der Fabrik.

Wir werden von Werner Rudin, dem Betriebsleiter des Standorts Pfeffikon begrüsst und über den Ablauf informiert. Er rüstet uns mit Ohrhörern aus und dem Ratschlag: «Mit den Augen schauen, so viel ihr könnt, mit den Händen anfassen, so wenig wie möglich». Okay, das kann ich mir merken, und schon geht’s los zur ersten Station, einer Lagerhalle.

Hier gibt es zwar wenig zu sehen, nur gestapelte Kartons oder Ballen, jedoch riecht es angenehm würzig nach frischem Tabak und vor allem erhalten wir bereits sehr viele Informationen von unserem Guide. Werner Rudin weiss nicht nur alles über die Tabakfabrikation, sondern er weiss auch, dieses Wissen verständlich weiterzugeben und hie und da eine Pointe zu setzen.

Während viele der Zuhörenden stets wissend nicken («ist ja klar, wusste ich doch schon»), muss ich zugeben, dass sich mein Tabakwissen mit jeder Minute vergrössert. Zum Beispiel: Es gebe noch 120 Tabakbauern in der Schweiz – ich hätte auf weniger getippt. Setzlinge würden erst im Feld angepflanzt, nachdem sie im Gewächshaus eine bestimmte Grösse erreicht hätten – war mir neu. Tabak sei ein Naturprodukt, und wie beim Wein gebe es Unterschiede bei den Jahrgängen – hier kann auch ich wissend nicken. (Und mache ich mir eine Notiz im Kopf, auch mal der Herstellung des Weines, vom Rebstock bis in mein Glas, nachzugehen).

Folglich sei der Rohtabak-Einkäufer extrem gefordert, um die hohen Qualitätsansprüche der Firma Villiger und der Endkonsumenten zu erfüllen – kann ich mir gut vorstellen.

Nach der ersten Station ist mein Tabakwissen bereits erheblich. Die Bilder der Pflanze, die uns Werner Rudin gezeigt hat, sind mir ebenso geblieben wie der würzige Geruch, den die Tabakballen verströmen. Dass eine Zigarre aus Einlage (Mischung), Umblatt und Deckblatt besteht, ist mir bekannt. Was mir aber bis zur Führung unbekannt war: Der Tabakkäfer und die Tabakmotte sind die Feinde der Tabak­industrie – und ich habe immer gedacht, es sei die Eidgenössische Steuerverwaltung oder das Bundesamt für Gesundheit…
Um die kleinen Schädlinge zu bekämpfen
werden in allen Räumen Hormonfallen aufgestellt und regelmässig kontrolliert, damit bei einem möglichen Befall sofort reagiert werden kann.

Ab der zweiten Station wird mir klar, weshalb ich die Ohrhörer nicht einfach lässig um den Hals tragen sollte. Schnell stopfe ich sie mir in die Ohren, denn die verschiedenen Maschinen sind derart laut, dass man sein eigenes Wort noch knapp und Werner Rudin ohne Ohrhörer gar nicht mehr versteht. Also weg mit dem Aufnahmegerät, her mit Notizblock und Gedächtnis.

Sie sind nicht nur laut, diese Maschinen, sondern auch vielseitig und effizient: Sie schneiden oder reissen, befeuchten oder trocknen, mischen oder entfernen, pressen oder lockern, bewegen, schütteln und transportieren – je nachdem, was gerade gefragt ist. Unermüdlich und präzise. Dabei stets von einem Betreuer überwacht, der zwecks Qualitätskontrolle jederzeit in die Prozesse eingreifen kann.

Müsste ich nicht eifrig in meinen Notizblock kritzeln, so könnte ich detailliert erklären, wie eine Zahntrommel oder ein Lochrost funktionieren. Geblieben ist: Die Rippen sind nun aus dem Tabakblatt entfernt und ich würde nie meine Hand in diese Maschine halten wollen.

Auch anderes störendes Material, das nichts mit Tabak zu tun hat, wird hier ausgeschieden und die originellsten Fundobjekte sind in einer Art «best-of»-Kästchen ausgestellt. Ich sehe da Steine, Ungeziefer, Münzen, Messer, eine Brille und sogar eine Armbanduhr. Erleichtert stelle ich fest, dass das dazugehörende Handgelenk nicht dabei ist.

Während der Tabak nun durch ein ausgeklügeltes Rohrsystem in die verschiedenen Stockwerke gelangt, bevorzugen wir den Lift und bewegen uns durchs ganze Fabrikgebäude zu den nächsten Stationen. Wir begegnen dabei drei Generationen von Maschinen, die bei der Weiterverarbeitung des Tabaks eingesetzt werden – die einen sehen aus wie aus den sechziger Jahren, andere Maschinen wurden erst im letzten Jahr gekauft.

Umblatt zuschneiden, Rohling fertigen, Deckblatt aufbringen, Zigarren portionieren, abfüllen und verpacken: Hier sind ausschliesslich Frauen am Werk. Viele von ihnen arbeiten seit Jahrzehnten im Betrieb, weshalb es gemäss Werner Rudin immer wieder vorkomme, dass Jubiläen von 25, 30 oder 35 Jahren gefeiert würden.

Warum an diesen Maschinen ausschliesslich Frauen arbeiten, habe mit ihrer Fingerfertigkeit zu tun, lasse ich mir sagen. Für einen Moment fühle ich mich wie ein männlicher Grobmotoriker, aber nur kurz.

Eine Maschine beeindruckt mich besonders: Sie sieht modern aus, riesig, raumfüllend, mit verschiedenen Stationen, an denen jeweils ein nächster Verarbeitungsschritt getätigt wird, und mit langen Transportbändern verbunden. Kaum zu glauben, wie schnell und präzise von dieser Maschine und flinken Händen gearbeitet wird. Resultat: 130’000 Zigarillos täglich. Verpackt, etikettiert, eingeschweisst und abgepackt, natürlich versehen mit einem der 15 Warnbilder, die vorgeschrieben sind und alle zwei Jahre ausgetauscht werden.

So geht also Zigarren produzieren.

Die knapp zwei Stunden sind wie im Flug vergangen und wir wenden uns dem Ausgang zu, nicht ohne im hauseigenen Humidor einen kurzen Zwischenstopp einzulegen.

In diesem Lager der verkaufsfertigen, handgerollten Zigarren leuchten die Augen der teilnehmenden «Aficionados» auf und mit Kennerblick werden die einzelnen Erzeugnisse kommentiert. Aber auch hier gilt: «Mit den Augen schauen, nicht mit den Händen anfassen» – und schon gar nichts mitnehmen. Dass es eine Taschenkontrolle gebe, war aber nur ein Scherz unseres Guides.

Mitnehmen darf man dann am Ende der Führung ein grosszügiges «Give Away», eine Tasche mit Feuerzeug und Tabakwaren der Villiger Söhne AG, darunter natürlich die «Original Krumme».

Während einige der Teilnehmenden noch im Fabrikladen einkaufen, tragen sich Dominic und ich im Gästebuch ein, wo wir uns für zwei kurzweilige und informative Stunden bedanken. Mein Fazit: Es hat sich gelohnt, mein Wissensdurst ist gestillt worden und wer noch nie an dieser Führung war… na ja, «Les absents ont toujours tort»!

Erleben Sie die VILLIGER-Fabrikführung hautnah:

Tauchen Sie gemeinsam mit anderen Genussliebhabern in die Welt der Tabakverarbeitung ein. An fol-
genden Daten finden die Führungen im nächsten Jahr statt:

25. März 2026
 17. Juni 2026
 21. Oktober 2026
 28. Oktober 2026

Wunschtermin direkt buchen: Terminbuchung

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