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01. Juli 2024

Hausi Leutenegger: «Ich passe in keine Schublade»

Er liebt seine Frau und seine Kinder. Er geniesst sein Leben, eine feine Zigarre, ein gutes Glas Wein oder eine einfache Bratwurst. Er liebt nicht nur seine Fans, sondern generell seine Mitmenschen. Er liebt die Schweiz und die ganze Schweiz kennt und liebt ihn: Hans (Hausi) Leutenegger, Olympiasieger, Schauspieler und Unternehmer.

Hausi, kannst du dich in 3, 4 Wörtern beschreiben? Wer bist du?

Ich war nie gleich wie die anderen, ich war immer speziell, unkonventionell. Ich passe in keine Schublade.

Was würden deine engsten Freunde über dich sagen?

Die würden wohl sagen, ich sei nicht ganz normal, ein Verrückter.

In welchem Sinne ist das gemeint?

Ich glaube, die denken dabei an meine Herkunft und schauen, zu was ich es gebracht habe.

Deine Herkunft hat dich sehr geprägt. Erzähl uns, woher du kommst.

Ich stamme aus einer kinderreichen Familie aus dem Thurgau, wurde im Weiler Höfli bei Bichelsee-Balterswil als fünftes von acht Kindern geboren. Wir waren fünf Knaben und drei Mädchen. Leider weilen nur noch zwei Schwestern unter uns, meine übrigen Geschwister sind bereits verstorben. Wir waren eine Kleinbauernfamilie mit vielleicht vier Kühen und zwei Schweinen.

Davon kann eine kinderreiche Familie wahrscheinlich nicht leben.

Natürlich nicht. Mein Vater war nicht nur Kleinbauer, sondern arbeitete als Magaziner in der Fabrik, bei der Firma Sulzer in Winterthur. Damals arbeiteten alle Kleinbauern jener Gegend noch zusätzlich in Winterthur, entweder in der Loki, bei Rieter oder bei Sulzer. Der Arbeiterzug, wie man ihn nannte, fuhr um 20 vor 6 in Wil ab und brachte die Arbeiter über Guntershausen und Aadorf in die Winterthurer Fabriken. Abends stiegen sie wieder in den Zug ein, mit müden und geschwärzten Gesichtern. Auch mein Vater und mein Onkel waren dabei.

Was hat dieser Anblick bei dir ausgelöst?

Ich sagte mir: DAS werde ich nicht machen.

Hausi Leutenegger: «Ich passe in keine Schublade»

Weshalb es dich auch bald ins Ausland zog.

Ich hätte wie meine Brüder Handwerker werden sollen. Sie waren Maler, Schreiner oder Zimmermann, und ich hätte eine Maurerlehre absolvieren müssen. Ich sagte aber Nein, denn ich wollte ins Ausland. An einem Fest bei uns im Dorf hat mich ein Typ beeindruckt, der war besser gekleidet und schwärmte vom Ausland. Er hatte Schlosser gelernt und seine Firma hatte ihn ins Ausland geschickt. Genau das wollte ich und so begann ich eine Lehre als Bauschlosser. Mein Ziel dabei war immer, als Monteur im Ausland tätig zu sein und wie viele andere träumte ich damals von den USA.

Zuerst hast du das Ausland aber knapp verpasst und bist in Genf gelandet.

Für meinen Vater Alois war dies wahrscheinlich bereits wie Ausland, denn er ist selber nie aus dem Kanton Thurgau herausgekommen. Und mein Onkel, der katholische Pfarrer, befürchtete, dass ich in Genf zum Heiden würde. Nach der welschen Schweiz arbeitete ich für Bühler, Uzwil ein Jahr lang in den Niederlanden, lernte holländisch, und mit 22 schickte mich eine holländische Firma nach Jamaica, wo ich vier Monate lang für sie arbeitete. Zurück in der Schweiz gründete ich 1965 meine eigene Firma, schuftete Tag und Nacht und mit 30 Jahren war ich Millionär.

Du bist ohne Zweifel ein «Chrampfer» – bist du auch ein Genussmensch?

Ich geniesse die einfachen Dinge. Zum Beispiel beim Essen: Ich gehöre nicht zu denen, die möglichst extravagante Mahlzeiten wählen und dauernd davon reden. Ich mag kein «Chichi-Züüg». Ich bin ein einfacher Mensch, esse gerne eine Bratwurst oder einen Hackbraten mit Kartoffelstock und Apfelmus oder trinke gerne «Suure Moscht» oder ein Glas Roséwein. Ich verkehrte zwar auch in den besten Lokalen weltweit, aber meistens, weil ich dorthin Leute zum Essen einlud.

Nebst einem einfachen Essen geniesst du auch deine tägliche Zigarre?

Genau. Ich bin ein fröhlicher Raucher und gönne mir jeden Tag eine oder zwei Zigarren. Am liebsten rauche ich sie, wenn ich allein im Auto sitze. Dank dem kürzlich verstorbenen Jean Wicky, der ein guter Freund und mein Steuermann beim Olympiasieg in Sapporo war. Er brachte mich dazu, Zigarren zu rauchen, wenn wir im Auto zusammen unterwegs waren. Wenn ich heute vom Chauffeur gefahren werde, dann rauche ich nicht, aus Rücksicht auf ihn. Aber ohne Fahrer… da gibt’s für mich nichts Schöneres als durch die Schweiz zu gondeln und dabei eine Zigarre zu rauchen. Ein Genuss – und gleichzeitig ein alter Trick von mir.

Hausi Leutenegger: «Ich passe in keine Schublade»

Hausi zwischen Spitzensport und Hochadel: Dano Halsall, Hausi, Victor-Emmanuel von Savoyen (v. l. n. r.)

Wie meinst du das mit dem Trick?

Als ich für meine junge Firma in den 60er-Jahren oft von Genf in die Ostschweiz fahren musste – manchmal nachts, und ohne Autobahnen – da steckte ich mir eine Tabakpfeife in den Mund. Drohte ich am Steuer einzunicken, dann fiel mir die Pfeife aus dem Mund und ich war sofort wieder hellwach. Heute ist es die Zigarre, die mich davon abhält, bei einer längeren Fahrt einzuschlafen.

Das Risiko scheint gering, denn du machst mir einen topfitten Eindruck.

So fühle ich mich, trotz den Knie-Operationen, die ich hatte. Ich mache aber auch viel für meine Fitness: Ich bin oft draussen in der Natur, bewege mich viel, spiele Golf und pedale über 2000 km im Jahr mit dem Rennvelo. Wenn ich ab und zu einen Vortrag halten muss, so sage ich jeweils dem Publikum: «Ich möchte Sie nicht belehren, aber ich kann Ihnen einen guten Rat geben. Wenn Sie am Morgen aus dem Bett steigen, dann nicht gleich rein in die Hosen und sich den Rücken einklemmen. Sondern auf den Boden, Rückenlage, Beine anziehen und nach links und rechts kippen. Danach kehren und Liegestützen drücken, anfangs nur fünf, später mehr.»

Ich mache jeden Morgen zwischen 30 und 40 Liegestützen. Und dann stehe ich vor dem Spiegel und sage zu meinem Spiegelbild: «Siehst heute wieder gut aus!»

Wenn man anschliessend aus dem Haus geht und seiner Nachbarin begegnet, soll man sie mit dem gleichen Kompliment begrüssen.

Du treibst nach wie vor viel Sport, und es war der Sport, der dich zuerst im Dorf und danach in der ganzen Schweiz bekannt machte.

Ich bin in einer Turner-Familie aufgewachsen und als ich 17 Jahre alt war, da war ich bereits Kranzturner und mit 19 Turnfest-Sieger. Ich war Spitzenturner im Nationalturnen, höchste Kategorie.

Kannst du uns den Begriff Nationalturnen kurz erklären?

Diesen Sport gibt es nur in der Schweiz, so viel ich weiss. Seit über 500 Jahren. Es ist eine Art Mehrkampf und beinhaltet zwei Teile: Der erste Teil ist turnerisch, man präsentiert eine Bodenübung, aber auch Weitsprung, Steinheben, Hochweitsprung und ein Sprint gehören dazu. Im zweiten Teil kommt der Zweikampf dazu mit Ringen und Schwingen. Ich war immer sehr vielseitig, deshalb konnte ich nach meinen Auslandaufenthalten gleich wieder an der Spitze mittun. Als Nationalturner muss man nicht nur schnell und beweglich sein, sondern auch kräftig und ausdauernd.

Hausi Leutenegger: «Ich passe in keine Schublade»

Olympiasieger unter sich: Hausi Leutenegger, Edy Hubacher, Jean Wicky (v. l. n. r.)

So wurde der Bobsport auf dich aufmerksam?

Natürlich. Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer sind beste Voraussetzungen für den Bobsport. Alle bekannten Bob-Piloten kamen zu mir nach Genf und wollten mich in ihrem Schlitten. Ich fuhr mit den besten Steuerleuten: Fritz Lüdi, Jean Wicki, René Stadler. Und mit Erich Schärer, der für mich der beste Bobfahrer der Welt war. Ich pilotierte nie den Schlitten, aber ich war einer der schnellsten Bremser. 1972 gewann ich mit Jean Wicki, Werner Camichel und Edy Hubacher die Goldmedaille im Viererbob an den Olympischen Spielen in Sapporo.

Hast du wegen dem Bobsport das Turnen aufgegeben?

Ich hatte mit dem Turnen bereits aufgehört. Einerseits weil ich mein Geschäft aufbaute, was natürlich zeitintensiv war, und andererseits auch wegen Verletzungen. Ich war mal vier Wochen im Spital, da ich beim Ringen alle Bänder gerrissen hatte. Auch im Bobsport hatte ich diverse Verletzungen durch Stürze, weshalb ich den Jungen den Rat gebe, dass sie vor allem der Gesundheit wegen Sport treiben sollen. Spitzensport jedoch nur diejenigen, die wirklich talentiert sind, denn man macht sich zu vieles kaputt.

Noch ein ernstes Thema zum Schluss: Hausi, du bist im Januar 84 Jahre alt geworden und du weisst, dass das Leben endlich ist. Macht dir dies Angst?

Ich bin katholisch und gehe jeden Sonntag in die Kirche. Mir ist sehr bewusst, dass das Leben endlich ist und ich empfinde jedes Lebensjahr nach dem 80. als Geschenk. Angst habe ich keine und ich weiss, dass ich morgen gehen könnte. Ich bereue nichts, was ich getan oder erlebt habe und ich bin froh, dass ich es gemacht und erlebt habe. Ich war nicht der Bravste, aber auch kein grosser Sünder. Ich war immer grosszügig mit allen, nie geizig oder neidisch, das sind für mich die grössten Sünden.

Hast du noch eine Art «bucket list» mit Sachen, die du noch tun willst?

Nein, ich habe alles gemacht. Ich war Olympiasieger, habe in mehreren Filmen mit internationalen Stars oder berühmten Schweizer Filmschauspieler:innen mitwirken können, habe die Welt mehrfach bereist, interessante Leute kennenlernen dürfen und ich war mit den schönsten Frauen zusammen. Ich habe zwei tolle Kinder, eine liebe Frau, was will man noch mehr? Ich will nur noch gesund bleiben. Ich plane auch nicht mehr weit voraus, ich nehme es, wie es kommt. Ich mache das, was ich will und wenn ich durch die Schweiz fahre, dann werde ich überall erkannt und die Leute wollen ein Föteli, ein Selfie… Hausi hier, Hausi da.

Und das geniesst du, richtig?

Klar geniesse ich es, ich lasse mich noch etwas feiern. Und wenn ich dann weiterfahre, gönne ich mir ich eine Zigarre und sage zu mir: «Hausi, du bisch en heisse Typ!»

Da kann ich dir nicht widersprechen. Lieber Hausi, ich danke dir für das Gespräch.

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