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02. Mai 2022

Kommen die Wein­geniesser auf ihre Rechnung?

«Das steht wohl in den Sternen geschrieben», antwortet ein Jungwinzer auf diese Frage. Und: «Eine Prognose zur Weinqualität 2022 wäre wie ein Blick in die Kristallkugel».

Jetzt im Frühjahr beginnt auch in den Weinbergen neues Leben. Flora und Fauna erwachen aufs Neue und aus jahrzehntealten Rebstöcken schiessen junge Triebe. Ein fast mystisches Summen der Bienen und Insekten hüllt die Rebenlandschaft ein, Wildblume zeigen ihre farbigen Blüten, Vögel sind mit dem Nestbau in den Reben zugange und die ersten Schmetterlinge flattern umher. Ein herrlicher Frühlingsreigen.

Die herrlich warmen Märztage, die hinter uns liegen, haben manchen schon zu einem sonntäglichen Spaziergang in einen Rebberg gelockt. Und man könnte bei der Kraft, die die Sonne schon entwickelt hat, durchaus davon ausgehen, dass Weingeniesserinnen und -geniesser in diesem Jahr einen hervorragenden Tropfen erwarten dürfen. Das hängt jedoch von verschiedenen Faktoren ab, vor allem aber bleibt vorher einiges zu tun…

Das Rebjahr

Die Rebenjahre gehen fliessend ineinander über. Der Wachstumszyklus von Reben und der Lebensrhythmus der Rebbauern sind verknüpft und bestimmt von Jahreszeit und Wetter. Der Eindruck, dass im Winter im Rebberg nichts los ist, täuscht. Denn zwischen Dezember und Februar steht der Rebschnitt an. Es ist eine der aufwendigsten und zugleich wichtigsten Arbeiten im Rebberg, die direkte Auswirkungen auf das laufende und auch die folgenden Rebjahre hat. Jeder Stock wird einzeln «analysiert» und entsprechend geschnitten, so dass alle Stöcke im ganzen Rebberg möglichst im Gleichgewicht sind, Voraussetzung für ein homogenes Reifen der Trauben.

Dazu lassen die Winzerinnen und Winzer normalerweise an jedem Stock zwei Ruten stehen. Beim Rebschnitt ist darauf zu achten, dass eine Rute in etwa in die Richtung wächst, in welcher sie sachte und ohne abzubrechen auf den untersten Draht parallel zum Boden gebogen und angebunden werden kann. So sind später alle Trauben auf gleicher Höhe, und die Stöcke bilden eine regelmässige Laubwand, die eine gleichmässige Sonnenbestrahlung ermöglicht. Schliesslich gilt immer zu berücksichtigen, dass kein Rebstock gleich ist wie der andere, sie sich aber im Spalier harmonisch ergänzen sollen. Man hat beim Rebschnitt gleichzeitig immer mehrere Stöcke neben demjenigen im Blick, den man gerade pflegt.

In den Reben draussen gibt es also auch im Winter mit dem Rebschnitt viel zu tun. Zudem nehmen die Rebbauern und -bäuerinnen jetzt nötig gewordene Reparaturen an Stickeln, Spanndrähten und Mauern vor. Damit aber nicht genug: Im Keller steht die Arbeit auch nicht still, denn es ist die Zeit, in der man den in den Vorjahren gekelterten Wein abfüllt. Die eigentliche Ernte fahren die Winzerinnen und Winzer je nach Wein und Ausbau in den Fässern erst ein oder gar mehrere Jahre später ein.

Kommen die Wein­geniesser auf ihre Rechnung?

Wenn’s Frühling wird…

Wenn’s im Frühjahr wärmer wird wie heuer, beginnen die Reben an jener Stelle zu bluten, wo Winzerinnen und Winzer im Winter die Ruten geschnitten hatte. Jetzt schicken die tiefen Wurzeln erste Nahrung und Signale an die Knospen. Ein besonderes Sekret aus einer Mischung aus Wasser, Salzen, Stickstoff und Zucker tritt an den Schnittflächen der Fruchtruten aus. An schönen Tagen funkeln die frühlingshaften Weinberge beinahe magisch, wenn die Sonne auf die vielen Tröpfchen fällt. Das austretende Sekret hat eine pflegende Eigenschaft für die Weinstöcke und bereits die Benediktiner Äbtissin Hildegard von Bingen, eine bedeutende natur- und heilkundliche Universalgelehrte, empfahl diesen Rebsaft schon um das Jahr 1100 als Heilmittel beispielsweise gegen Hautkrankheiten.

Kälte und Frostgefahren sind naturgegeben. Die Reben schützen sich selbst, indem sie den Saft in den Trieben im Winter in die Wurzeln zurückziehen. Dies vermag die Gefahr von Frostschäden bis etwa −18° Celsius zu bannen. Gab es keinen eigentlichen Winterfrost, droht immer noch ein möglicher Kälteeinbruch im Frühling, der beispielsweise 2017 im Raume Nordwestschweiz, Zürichsee und Ostschweiz zu sehr hohen Ernteausfällen führte – in vielen Rebbergen waren es 50 Prozent.

Reben sind vitale und sehr schnell wachsende Pflanzen und reagieren entsprechend schnell auf Wärme und Sonne, weshalb dann sofort die Arbeit im Rebberg weitergehen muss. Planen ist hier nicht, weil einzig die Natur den Arbeitsfahrplan in den Rebbergen bestimmt. Es gilt jetzt, die Rebstöcke mit ihren vielen struppigen Trieben, die in der Frühjahreswärme aus den Ruten emporgesprossen sind, richtig zu «erziehen». Diese Arbeit heisst «Erlesen» oder «Ausbrechen» und hat direkte Auswirkungen auf den Ernteertrag im laufenden Rebjahr. Denn die optimale Traubenreife hängt von einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Laub und Frucht ab. Die Theorie besagt, dass an jedem Trieb nur eine Traube und je nach Traubensorte und Qualitätsansprüchen pro Rebstock höchstens 10 bis 12 Trauben stehen sollen. Soweit die Theorie, denn die Natur ist vielfach anders und komplexer. Das Augenmerk liegt deshalb auf starken Trieben mit Trauben, während alle anderen Schosse entfernt werden. Zu viele Trauben würden der Rebe nur Kraft rauben. Mehr ist dann qualitativ gesehen eben weniger. Zudem gibt es bei zu viel Laub ein Dickicht am Rebstock. Blätter und Trauben trocknen nach einem Regen nur schlecht ab und die feuchtwarme Umgebung ist Nährboden für Pilzerkrankungen, was wiederum Qualität und Ertrag negativ beeinflussen würde.

Kommen die Wein­geniesser auf ihre Rechnung?

Zurück zum Jahrgang 2022

Rebbau ist harte und intensive Handarbeit in meist schwierigem Gelände. Zeitlich nur bedingt planbar, wetterabhängig und von der Ertragsseite nur ganz schwierig abzuschätzen, da die Belohnung nicht sofort, sondern erst viele Monate später kommt. Aber auch der Klimawandel wird letztlich seine Spuren in der Weinflasche hinterlassen, kann sich doch der Weinanbau in nördlichere Gebiete entwickeln und ganz neue Weine hervorbringen. Da hilft also der Blick in die Kristallkugel nicht wirklich weiter, um abschätzen zu können, wie sich ein Weinjahrgang letzten Endes präsentieren wird.

Vielversprechend ist in jedem Fall der Generationenwechsel in der Winzergilde. Junge Produzentinnen und Produzenten bringen mit viel Anstrengung und einem ganz anderen Qualitätsbewusstsein frischen Wind in die Rebberge. Sie überzeugen mit Mut zu Neuem, setzen bemerkenswerte Weinakzente, verbunden mit Eleganz und Finesse und laufen auch schon Kult- und Markenprodukten den Rang ab. Beispiel? Der Wettinger Christian Steimer ist einer dieser Jungwinzer, der 2022 vom Gault Millau zum «Rookie des Jahres 2022» gekürt worden. Seine beiden Pinot Noir 2018 und Pinot Noir Barrique 2019 überzeugten die internationale Jury, und gleich weitere sieben Weine aus seinem Keller wurden mit einer silbernen oder bronzenen Auszeichnung geehrt – Weine aus dem Aargau…

Weingeniesserinnen und -geniesser sind gut beraten, neue Terroir geprägte Weine aus Gegenden zu probieren, die neu auf den Markt kommen. Ein Favorit als persönlicher Spitzenwein 2022 ist sicher dabei. S´isch um´s Probiere….