TDM: Mauro, kannst du deinen älteren Bruder Diego in wenigen Worten beschreiben?
Mauro: Er war immer ein Vorbild für mich, er ist zielstrebig, ausdauernd, sein ganzes Wesen trug zu seinem Erfolg bei. Ich habe ihm seine Erfolge immer gegönnt, es gab nie Neid zwischen uns. Wir haben eine tolle Freundschaft, obwohl er schon sehr jung nach Stuttgart zog und ich, noch jünger, nach Österreich.
Diego, was fällt dir zu deinem jüngeren Bruder Mauro ein?
Diego: Als der Ältere schaut man natürlich immer zu seinem jüngeren Bruder, man fühlt sich mitverantwortlich, man sieht genauer hin, was er macht, wie er wird – und da muss ich sagen, dass ich unheimlich stolz bin, wie er seinen Weg gefunden hat. Wahrscheinlich ist es nicht immer ganz einfach, wenn der grössere Bruder in der Öffentlichkeit steht und Mauro hat dies stets souverän gemacht und ich hatte nie das Gefühl, dass er in meinem Schatten steht. Es ist schön, dass wir dank unserem gemeinsamen Zigarren-Projekt mehr Zeit miteinander verbringen dürfen.
War dies schon in eurer Kindheit und Schulzeit so, dass ihr viel Zeit miteinander verbracht habt?
Diego: In den ganz jungen Jahren war es eher so, dass man den Altersunterschied von fünf Jahren gemerkt hat. Ich hatte andere Interessen wie Mauro und manchmal wollte ich auch den jüngeren Bruder nicht dabeihaben, wenn ich etwas mit meinen Kollegen unternahm.
Aber es gab ein gemeinsames Interesse, den Sport. Wer war der bessere Sportler?
Mauro: Ganz klar Diego. Seine Hingabe zum Sport war intensiver, er hatte viel mehr Ausdauer. Ich habe hingegen vieles ausprobiert: Judo, Reiten, Unihockey, Eishockey, Golf, und dort bin ich schliesslich geblieben. Ich bin auch eher der Einzelsportler, während Diego ein Mannschaftssportler ist. Ich bin für meine Erfolge oder meine Fehler lieber selber verantwortlich. Viel früher habe ich den Weg zum Genussmittel Zigarre gefunden, während Diego da konsequenter war. Er hat sich nur eine Zigarre angezündet, wenn es etwas zu feiern gab und ich rauchte eine, während ich ihm am Fernseher zuschaute.
Und wer von euch beiden hatte mehr Erfolg im Ausgang?
Diego: Das war sicher Mauro, denn ich war sehr selten im Ausgang.
Mauro: Richtig, da hatte ich die Nase vorn. Meine Erfahrungen im Nachtleben halfen mir auch, als ich später eine Diskothek und eine Firma für Eventmanagement führte. Da war ich natürlich viel im Ausgang unterwegs.
Mauro hat also vieles ausprobiert und du, Diego, hast du von Anfang an auf den Fussball gesetzt?
Diego: Nein, zuerst spielte ich Tennis und habe da meinem Vater nachgeeifert. Tennis wurde in kürzester Zeit meine grosse Leidenschaft. Zum Fussball kam ich, weil mich mein Tennistrainer dorthin geschickt hatte, um meine Beinarbeit zu verbessern. Damit hat er bei mir offene Türen eingerannt, denn ich wollte schon länger auch den Fussball ausprobieren. Meine Eltern fanden jedoch, ich müsse mich für eine der beiden Sportarten entscheiden, was dann kein Problem mehr war, denn ich kickte nicht lange auf dem Feld, sondern landete im Tor, was mir unheimlich Spass machte.
Frech gesagt, man konnte dich auf dem Feld nicht brauchen und stellte dich deshalb ins Tor?
Diego: (lacht) Nein, es funktionierte mit mir als Stürmer ganz ordentlich, denn ich war einen Kopf grösser als die gegnerischen Verteidiger und wenn meine Mitspieler nicht weiterwussten, dann schlugen sie eine möglichst hohe Flanke in den Strafraum, wo ich einköpfen konnte. Im Tor landete ich schlussendlich durch einen Zufall, weil unser Torwart krank war und es hiess, der Längste geht ins Tor. Das war dann ich. Das war bei den D-Junioren und es blieb dabei, denn ich hatte wirklich Spass an der Goalie-Position.
Und weil du nicht nur Spass hattest, sondern auch echt gut warst, kamen bald grössere Klubs zum FC Spreitenbach und wedelten mit dem dicken Portemonnaie?
Diego: Nicht ganz; die finanziellen Aspekte waren damals kein Thema, sondern die Möglichkeit von Spreitenbach zum FC Baden zu wechseln, das war ein wichtiger Schritt. Ich spielte in einer U-Auswahl, wo es noch eine Spur professioneller zuging, stand bald mal in einer Aargauer Auswahl und damit mehr im Schaufenster. Der Wechsel zu GC war dann wieder ein grosser Schritt vorwärts, aber dass ich bereits mit 18 Jahren ins Ausland wechseln würde, das stand so nicht auf dem Programmzettel.
Hattest du Berater, die dich bereits im Juniorenalter begleiteten?
Diego: Zuerst war es mein Vater, der mich beriet und sich um die administrativen Dinge kümmerte, doch mit dem Wechsel zum VfB Stuttgart (2002) war ich nun Bundesliga-Profi und da brauchte es auch einen professionellen Berater. Ich bin aber unserem Vater unheimlich dankbar, dass er uns grundlegende Werte mitgegeben hat. Deshalb habe ich diese erste Ausland-Verpflichtung auch realistisch eingeschätzt, habe mich nicht blenden lassen und das Engagement beim VfB als nächsten Schritt vorwärts gesehen.
Mauro, du warst noch im Schüleralter und dein Bruder zog bereits von zuhause aus. Wie war dies für dich?
Mauro: Ich erinnere mich gut daran, dass mir dies überhaupt nicht gepasst hat. Sogar meine Lehrer sprachen mich darauf an, weil sie gemerkt hatten, dass ich traurig war. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich einige Monate später, im Alter von 15 Jahren, ebenfalls wegziehen würde. Auch hier hatte Diego eine Vorbild-Funktion: Um ein Ziel im Sport, oder allgemein im Leben zu erreichen, muss man auch mal das warme Nest zuhause verlassen. Und ich erinnere mich ebenfalls daran, wie unheimlich stolz ich auf Diego war, als ich bei einem VfB-Heimspiel das erste Mal auf der Anzeigetafel im Stadion den Namen Benaglio lesen konnte.
Ihr habt beide den Weg ins Ausland gewählt und euch wurden, wie Diego kurz vorher erwähnte, grundlegende Werte mit auf den Weg gegeben. Welche?
Mauro: Bodenständigkeit, Ehrlichkeit, Respekt, Dankbarkeit, Demut.
Diego: Wir sind beide froh, diese Werte, die mancherorts am Verschwinden sind, noch mitbekommen zu haben und wollen die auch unseren Kindern weitergeben.
Ist trotz aller Demut die Versuchung, also das grosse Geld der Bundesliga, nicht riesig, wenn man schon so jung Profi im Ausland wird?
Diego: Ich glaube, diese Versuchung ist bei jedem jungen Spieler da, der in einer solchen Situation ist. Aber auch hier profitierte ich von der Unterstützung meiner Eltern und mein Vater hat mir aufgezeigt, wie man mit dem Geld sinnvoll umgeht. Ich genoss den Rückhalt von meinem Umfeld. Dazu zähle ich natürlich auch meine heutige Frau Nadin, die mit mir zusammen den Schritt ins Ausland wagte.
Nach Stuttgart hast du auf Madeira, in Wolfsburg und in Monaco gespielt. Welche Station war die wichtigste, war es Wolfsburg?
Diego: Ob es die wichtigste war, kann ich so nicht sagen, aber es war sicher die prägendste Station meiner Karriere. Zum einen, weil ich am längsten beim VfL Wolfsburg blieb, von 2008 bis 2017, und zum anderen, weil es die erfolgreichste Etappe meiner Laufbahn war, mit Meistertitel und Pokalsieg. Dazu kommt noch die familiäre Komponente, denn meine beiden Töchter kamen in Wolfsburg zur Welt.
Du warst nicht nur Deutscher Fussballmeister und Pokalsieger, sondern auch zweimal Schweizer Fussballer des Jahres, zudem jahrelang die Nummer 1 unserer Fussball-Nati.
Diego: Mit der Nati verbinde ich natürlich ganz viele Höhepunkte, die ich erwähnen könnte, das erste Länderspiel 2006 gegen China, der Sieg gegen Spanien an der WM 2010 oder das Spiel gegen Argentinien bei der WM 2014. Aber vor allem sind Spiele für dein Land etwas ganz Besonderes, das einen mit unheimlich Stolz erfüllt.
Ihr seid beide Sportler und während eurer Sportler-Karriere stand das Geniessen von Zigarren wohl nicht an erster Stelle. Wie seid ihr ins Zigarren-Business gelangt?
Diego: Im Vergleich zu meinem Vater und meinem Bruder rauche ich am wenigstens, aber ich geniesse in entspannter Atmosphäre gerne mal eine Zigarre. Der Ursprung liegt sicher bei meinem Vater – seit vielen Jahren ein «Zigarren-Aficionado» – und die Idee, einen Club zu gründen wie auch unsere LEMENA Zigarren zu produzieren, kam von Mauro. Eigene Zigarren nach unserem Gusto zu produzieren, ist ein Familienprojekt mit meinem Bruder im Lead. Beim Timeout war ich zuerst etwas skeptisch, doch wenn ich jetzt unseren Club sehe, dann bin ich überzeugt, dass es eine gute Idee war und wir auf dem richtigen Weg sind.
Wie sind die Rollen in eurem Projekt, dem Memberclub Timeout, verteilt?
Diego: (lacht) Ich komme nur hierher, um Zigarren zu rauchen.
Mauro: Das geniessen wir beide.
Diego: Im Ernst – die Rollenverteilung ist da ganz klar. Mauro ist wie gesagt im Lead, das ist schliesslich sein «Baby» und ich sowie alle anderen Beteiligten supporten, wann immer ich kann. Er soll da in der vordersten Reihe stehen und das macht er hervorragend.
Mauro: Diego ist immer zur Stelle, wenn man ihn braucht, sei es im familiären Handel mit den «Lemena»-Zigarren oder im Timeout. Das ist auch der schöne Teil, denn so verbringen wir wieder Zeit miteinander.
Was ja lange nicht möglich war, als eure Sportler-Karrieren ins Ausland führten. Von Diegos Stationen haben wir bereits gehört – wie war das bei dir, Mauro?
Mauro: Unser Vater hatte mit dem Golfsport angefangen und nahm mich mal mit, damit ich es ausprobierte. Seitdem lässt es mich nicht mehr los. Ich sagte meinen Eltern: «DAS will ich!» und erhielt ein Occasions-Golf-Set, mit dem ich immerhin die Platzreife schaffte.
Und gleich nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit zog es auch dich ins Ausland?
Mauro: Ja, ich bekam die Gelegenheit, im wunderschönen Burgenland (Österreich) eine Handelsakademie zu besuchen, die halbtags Schulunterricht und halbtags Golf-Unterricht anbot. Ich schloss diese ab mit der Matura in internationalem Sportmanagement. Ich lebte zuerst im Sportinternat, danach konnte ich mir eine kleine Wohnung leisten und lernte dabei, wie man wirtschaftet.
Folglich mehr als eine Schule, eine Lebensschule.
Mauro: Absolut. Es war streng, aber ich habe viel gelernt und diese Zeit hat mich auch geprägt. Nach einem Praktikum in Sport-Marketing habe ich mich selbstständig gemacht und viel Golf gespielt. An einem Turnier habe ich mit einem 320 m-Schlag den Sieg errungen; so bin ich beim «Long Drive» gelandet, wo ich in meiner besten Zeit die Nr. 3 auf der «European Tour» und in den Top50 der Weltrangliste war.
Was genau ist «Long Drive»?
Mauro: «Long Drive» im Golf ist eine Spezialdisziplin, bei der es nicht darum geht, einen kompletten Golfplatz zu spielen, sondern den Ball mit einem einzigen Schlag so weit wie möglich zu schlagen. Ich spielte dies während vier Jahren professionell, hatte internationale Sponsoren, bereiste die ganze Welt und arbeitete daneben noch in meiner Firma. Die Preisgelder beim «Long Drive» kann man nicht mit denjenigen beim Golf vergleichen, da muss man bei Turnieren unter die Top3 kommen, um alleine die Auslagen decken zu können.
Dafür hat man dich an Golf-Charity-Turniere eingeladen, wo es sogar Zigarren-Buffets gab.
Mauro: (lacht) Richtig, Zigarren und Golf verträgt sich offensichtlich besser wie Zigarren und Fussball.
Worauf du die Idee in die Familie brachtest, eine eigene Zigarrenmarke produzieren zu lassen.
Mauro: Freunde von uns hatten schon ihre eigene Marke und ich fand dies spannend. Es sollte eine Zigarre für unsere Familie und Freunde werden. Unsere erste Charge bestand aus 3000 Zigarren.
Diego: Und ich dachte, die bringen wir nie los und werden sie bis an unser Lebensende selber rauchen müssen.
Mauro: Doch die Nachfrage setzte ein: Wir wurden zu Tastings und Events eingeladen, konnten Restaurants und Hotels beliefern, mussten nachbestellen und neue Linien ins Angebot nehmen, welche wir aktuell wieder ausbauen.
Auch der Name eurer Marke hat mit der Familie zu tun?
Mauro: «Lemena» heisst unsere Marke, was sich aus den Anfangsbuchstaben der Namen unserer Kinder (Leonidas, Melija und Nala) zusammensetzt. Als mein zweiter Sohn, Viktor, zur Welt kam, beliessen wir den Namen, setzten aber noch ein VI auf die Banderole, was viele Leute als eine römische Sechs (falsch) interpretieren.
Das Projekt der eigenen Zigarre ist erfolgreich. Wie geht es dem jüngsten Projekt der Familie, dem Timeout?
Mauro: Mit über 120 Mitgliedern nach wenigen Monaten ist das Projekt gut gestartet. Unser Ziel bis Ende 2025 sind 200 Mitglieder, das Fernziel sind maximal 300 Mitglieder. Vielen gefällt diese einzigartige Kombination mit den Golfsimulatoren im Parterre, der Club-Location im ersten Stock, die wie ein englischer Business-Club daherkommt – aber lockerer – und den Sitzungszimmern, Lounges und Terrasse in der obersten Etage.
Diego: Wir sind mit der Entwicklung des Timeout sehr zufrieden.
Wir wünschen euch weiterhin Zufriedenheit und viel Erfolg und bedanken uns für das Gespräch.
Interview: Peter Inderbitzin
