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Schokolade: vom bitteren Göttertrank zum süssen Schweizer Kulturgut

Die Geschichte des Kakaos beginnt erstaunlich unspektakulär – zumindest aus europäischer Sicht. Als Christoph Kolumbus 1492 erstmals in der «Neuen Welt» landete, ist ihm vieles aufgefallen, nur Kakao nicht.
Erst zehn Jahre später – auf seiner vierten Reise – stiess Kolumbus zufällig auf die braunen Bohnen. Er brachte sie nach Spanien – wo die bitteren Bohnen mangels Wissen ungefähr so viel Begeisterung auslösten wie der Geruch eines nassen Hundes. Erst als Hernán Cortés die Bohne 1528 nochmals nach Europa brachte und man auf die rettende Idee kam, dem bitteren Kakao ordentlich Rohrzucker und Honig einzurühren, wurde die Schokolade als Getränk erstmals interessant. Die Verwandlung vom bitteren Heissgetränk der Maya zur zartschmelzenden Schokolade, wie wir sie heute kennen, dauerte dann aber nochmals300 Jahre.

Doch wie wird aus der ungeniessbaren Bohne eigentlich der edle Rohstoff Kakao? Wer eine Kakaofrucht öffnet, entdeckt nicht Schokolade, sondern ein weisses, glibberiges Fruchtfleisch, in dem 30 bis 50 Bohnen liegen – so bitter, dass man sich fragt, wer je freiwillig eine zweite probiert hat und wessen Beharrlichkeit überhaupt dazu führte, daraus etwas Köstliches zu machen.

Die ersten Europäer und der Kakao – Kolumbus & Cortés

Wer heute eine Tafel Schokolade bricht, ahnt kaum, wie zufällig Europas erster Kontakt mit Kakao war. Christoph Kolumbus begegnete den braunen Bohnen erst 1502 auf seiner vierten Amerikareise. Der Geschichte nach entdeckte er vor der Küste von Guanaja ein Handelskanu der Maya, das vollbeladen mit Waren war – darunter auch Kakaobohnen. Als mehrere Bohnen beim Entladen zu Boden fielen und die Maya sie sofort aufhoben, bemerkte Kolumbus zwar deren Wert, verstand aber nicht, warum sie so kostbar waren. Die Bohne blieb für ihn ein Rätsel.

Er nahm Kakaobohnen mit nach Spanien – doch niemand wusste etwas damit anzufangen. Kolumbus selbst hat nie Schokolade probiert.

Der eigentliche kulturelle Transfer gelang erst Hernán Cortés. Als er 1528 von seiner Reise nach Europa zurückkehrte, brachte er den Kakao ein zweites Mal über den Atlantik – diesmal mit dem Wissen um seine Bedeutung in der aztekischen Gesellschaft. Das Getränk, das die Azteken daraus herstellten, war allerdings bitter und scharf. Erst mit Honig und Rohrzucker wurde daraus ein Luxusgetränk, das ab 1544 am spanischen Hof serviert wurde.

Lange bevor Europa von Kakao überhaupt hörte, galt die Bohne in Mittelamerika als heilig. Bei den Maya war Kakao Bestandteil religiöser Rituale; sie mischten ihn mit Chili, Mais und Wasser zu einem schaumigen, herben Getränk, das nur Herrschern, Priestern und Kriegern vorbehalten war. Die Azteken betrachteten die Bohne sogar als Zahlungsmittel – sie kauften damit Kleidung, Essen oder Waffen. Sowohl Kolumbus als auch später Cortés merkten sehr schnell, dass die Bohnen für die Einheimischen enorm wertvoll waren – selbst wenn sie beide anfangs kaum verstanden, warum.
Nun aber zurück zu den Anfängen der Schokolade in Europa und dem Grund, warum die Schweiz zum Schoggi-Land wurde. Denn die wahre Schokoladenrevolution begann nicht in den Tropen, sondern in einer Berner Werkstatt im Jahr 1879.

Dort soll Rodolphe Lindt 1879 aus Versehen eine Rührmaschine laufengelassen haben. Lindt liess am Freitag die Maschine laufen und kehrte am Montag in seine Werkstatt zurück, die nach Schokolade duftete wie nie zuvor. Die Masse war dunkel, glänzend, glatt, aromatisch – ein Wunderwerk aus Zufall, Hitze, Mechanik und Zeit. Und es war der Moment, in dem die Schweiz begann, die Welt mit Schokolade zu erobern.

Die Conche setzte einen Qualitätsstandard, der bis heute andauert. Denn auch heute noch reiben und rühren Conchiermaschinen die Kakaomasse so lange, bis aus sandigem Kakao jene zartschmelzende, aromatische Schokolade wird. Ohne Lindts Vergesslichkeit wäre Schokolade vielleicht auch heute noch ein ganz anderes Produkt – und die Schweiz vermutlich kein Schoggi-Land.

Dass die Schweiz daraus ein Weltprodukt machte, lag aber nicht nur an der Conche. Sauberes Wasser, mechanische Präzision, hohe Hygienestandards und ein fast pedantisches Qualitätsverständnis gaben dem Produkt einen Vorsprung, den die Schweiz bis heute nicht eingebüsst hat.

Was macht die Conche?

In der Conche wird die Schokoladenmasse stunden- oder tagelang bewegt, gewärmt und gerieben. Bitterstoffe verflüchtigen sich, Aromen runden sich ab, Partikel werden mikroskopisch fein. Nach dem anschliessenden Temperieren entsteht der typische Glanz und jener berühmte «Knack», ohne den keine Tafel komplett wäre.

Schokolade ist heute ein Stück Schweizer Kultur. Und wer nun richtig Lust darauf bekommen hat und gleichzeitig noch Durst und vielleicht das Bedürfnis nach einer feinen Zigarre verspürt, der besorgt sich am besten eine dunkle, wenig gesüsste Schokolade, einen guten Schluck Cognac, Whiskey oder Rum – und seine Lieblingszigarre. Denn zum Glück findet man diese Wohlfühlprodukte in der genussverwöhnten Schweiz in jedem gut sortierten Fachgeschäft.
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