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11. Oktober 2022

Krise nach dem Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg brachte für die Tabakindustrie erschwerte Bedingungen, vor allem in Bezug auf die Beschaffung von Rohstoffen und den Transport von Exportprodukten. Dennoch konnte im Allgemeinen ein zufrieden stellender Geschäftsgang registriert werden. In der ausgeprägten Nachkriegskonjunktur verzeichnete der Export einen starken Anstieg, der aber abflachte, als nach 1920 die ausländische Konkurrenz wieder einsetzte.
Der Import von Fertigfabrikaten nahm in der Folge zu, und die fiskalische Belastung in der Schweiz wurde grösser. 1921 mussten einzelne Betriebe ihre Pforten schliessen. Besonders von der Krise betroffen war die Kopfzigarrenfabrikation. Nur kurzfristige Erleichterung brachte 1922 ein grosses Exportgeschäft mit Spanien. Zunehmend machte der Zigarrenindustrie auch die Konkurrenz durch die Zigarette zu schaffen, die sich während des Ersten Weltkriegs rasch verbreitet hatte und sich vor allem bei der jüngeren Bevölkerung immer grösserer Beliebtheit erfreute. In den 20er Jahren lancierten die Stumpen- und Zigarrenfabrikanten eine gemeinsame Reklamekampagne unter dem berühmt gewordenen Motto «Sei ein Mann, rauche Stumpen und Zigarren». Die Zigarettenhersteller ihrerseits konterten mit «Ein Mann raucht, was er will»
Krise nach dem Ersten Weltkrieg
Anfang der 30er Jahre verschärfte sich die Krise in der Tabakindustrie. In einem neuen Finanzprogramm wurde eine so genannte Zollquittungsgebühr eingeführt, die dem Bund zusätzliche Einnahmen von 5 Mio. Franken bringen sollte. Gemäss Beschluss des Bundesrates war auch der Tabak, der zur Stumpen- und Zigarrenproduktion verwendet wurde, von dieser Gebühr betroffen, nicht jedoch die Tabake für die Zigarettenfabrikation und die Rauch- und Schnupftabake.
Krise nach dem Ersten Weltkrieg

Die Bilder von der Protestversammlung in Reinach stammen aus einer Reportage des bekannten Schweizer Fotografen Hans Staub in der «Zürcher Illustrierten»

Die Tabakindustriellen erklärten, sie seien nicht in der Lage, die neue Belastung zu tragen, und müssten sie auf die Arbeitslöhne abwälzen. Diese würden deshalb um 4 % gekürzt. Daraufhin versammelten sich am Mittwoch, dem 11. März 1936, 922 Tabakarbeiterinnen und -arbeiter des Wynen- und Seetals in Reinach, um sich über die Sachlage orientieren zu lassen. Man war sich einig, dass dieser Lohnabbau der Arbeiterschaft nicht zugemutet werden könne. Die Löhne in der Zigarrenindustrie waren schon immer bescheiden gewesen, Kurzarbeit und Materialeinsparungen hatten zusätzlich zu erheblichen Einbussen geführt. Ein Heimarbeiter verdiente pro Monat nur noch etwa 50 Franken, das Leben aber wurde immer teurer. Allein ein Kilo Butter kostete im Mai 1937 Fr. 4.85. Mit einer Verbesserung der Beschäftigungslage war auch in näherer Zukunft insbesondere bei der für viele Familien überlebenswichtigen Heimarbeit kaum zu rechnen. Der Bundesrat, bei dem die Tabakarbeiter mit ihren Anliegen vorstellig wurden, liess sich aber nicht erweichen und beharrte auf seinem Standpunkt.
Krise nach dem Ersten Weltkrieg
Am 27. Mai 1937 demonstrierten schliesslich an die 4000 «Tabakler» gegen die fiskalischen Forderungen des Finanzministers. Vor der Reinacher Turnhalle versammelten sich Fabrikanten, Arbeiter und Gemeindebehörden und forderten: «Herunter mit den Tabaksteuern!» Selbst die Aargauer Kantonsregierung unterstützte die Forderungen und intervenierte persönlich im Bundeshaus in Bern. Man befürchtete, dass sich mit den zusätzlichen Abgaben die Krise der Tabakindustrie noch verschärfen würde. Die Demonstranten forderten in einer Resolution die sofortige Reduzierung der Steuerbelastung.

Der Bund müsse durch grundsätzliche politische Reformen die Bundesausgaben entsprechend einschränken, anstatt der Bevölkerung immer neue Lasten aufzubürden. «Bern» bot jedoch statt der geforderten Steuerreduktion als einzige Massnahme eine Erhöhung des Stumpenpreises um fünf Rappen an. Diese Mehrkosten seien für den Raucher durchaus zumutbar, und ein Rückgang des Konsums sei nicht zu befürchten. Auch die offizielle Stellungnahme der neutralen Preiskontrollstelle, die unmissverständlich festhielt, «… dass die Zigarrenindustrie bei der derzeitigen Belastung zugrunde gehen müsste», beeindruckte die Bundesbehörden anscheinend nicht.

Quellennachweis Text & Bild:
max@typopress.ch

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